Blog-Artikel
Selbstmitgefühl statt Selbstoptimierung
Ein neuer Blick auf innere Balance – jenseits von Leistungsdenken und Perfektionsdruck
„Ich sollte …“,
„Ich muss noch …“,
„Ich bin nicht genug …“
Diese Sätze sind wie unterschwellige Programmcodes, die in vielen von uns im Hintergrund laufen. Leise, aber unermüdlich. Sie treiben uns an, halten uns auf Trab – und irgendwann davon ab, bei uns selbst anzukommen.
In einer Welt, die uns täglich einflüstert, wir müssten „mehr aus uns machen“, fitter sein, entspannter, fokussierter, glücklicher, wirkt Selbstfürsorge fast wie ein weiteres To-do auf der immer länger werdenden Liste.
Aber was, wenn es nicht um noch mehr Mühe geht – sondern um mehr Mitgefühl?
Nicht als Rückzug, sondern als Rückverbindung?
Im Konzept „Gesundheit durch Bewusstsein“ ist Selbstmitgefühl kein softer Luxus. Es ist eine radikale, stille Entscheidung:
Ich wende mich mir selbst zu – nicht erst, wenn ich besser bin. Sondern gerade jetzt.
Was Selbstmitgefühl wirklich ist – und was es nicht ist
Selbstmitgefühl bedeutet, sich selbst mit der gleichen Freundlichkeit zu begegnen, die wir einem Menschen schenken würden, den wir lieben – oder vielleicht sogar noch etwas sanfter, weil wir unsere eigenen wunden Punkte am besten kennen.
Die amerikanische Psychologin Dr. Kristin Neff, Pionierin auf diesem Gebiet, beschreibt Selbstmitgefühl als Dreiklang:
Achtsamkeit – also das, was ist, wirklich wahrzunehmen – ohne es zu beschönigen oder zu dramatisieren.
Gemeinsames Menschsein – das tiefe Wissen: Ich bin nicht allein mit meinen Fehlern, meinem Schmerz, meiner Erschöpfung.
Selbstfreundlichkeit – die Wahl, mich selbst nicht noch weiter zu drängen, zu kritisieren oder kleinzureden, sondern mir Halt zu geben.
Selbstmitgefühl ist nicht Selbstmitleid.
Es ist kein sich-fallen-lassen, keine bequeme Ausrede.
Es ist ein mutiger innerer Akt: ein echtes Ja zu sich selbst – gerade im Moment des Zweifelns.
Wenn Optimierung zur Erschöpfung führt
Viele Menschen, die zu mir kommen, haben bereits unzählige Werkzeuge ausprobiert. Sie meditieren, führen Ernährungstagebuch, nutzen Achtsamkeits-Apps, haben Routinen und Morgenrituale – und trotzdem bleibt da ein diffuses Gefühl von „Irgendetwas fehlt.“
Was fehlt, ist oft das Erleben von Verbindung mit dem eigenen Inneren.
Denn Selbstoptimierung beginnt bei einem Mangel-Gefühl: „So wie ich bin, reicht nicht.“
Selbstmitgefühl beginnt bei einem tiefen Spüren: „Ich bin da. Und das ist ein Anfang.“
Wenn wir versuchen, innere Leere mit immer mehr Leistung zu füllen – auch mit spirituell aufgeladenen Programmen – entsteht keine Heilung, sondern nur ein subtiler neuer Druck. Und dieser Druck lässt uns nicht wachsen, sondern eng werden.
Wachstum entsteht nicht aus Mangel – sondern aus Beziehung.
Selbstmitgefühl wirkt – wissenschaftlich, körperlich, seelisch
Es ist kein Zufall, dass die Forschung Selbstmitgefühl als gesundheitsfördernd bestätigt. Zahlreiche Studien zeigen:
- es senkt Stresshormone,
- reguliert Herzrhythmus und Immunsystem,
- fördert emotionale Resilienz,
- und stärkt unsere Fähigkeit, auf uns selbst achtzugeben – nicht aus Zwang, sondern aus einem inneren „Weil ich mir wichtig bin.“
Neurobiologisch betrachtet aktiviert Selbstmitgefühl unser Bindungssystem – also genau die Hirnareale, die für Sicherheit, Fürsorge und Regulation zuständig sind. Während Selbstkritik das Bedrohungssystem aktiviert und Stress verstärkt, schafft Selbstmitgefühl ein inneres Klima von Zugehörigkeit, Trost und Orientierung.
Selbstmitgefühl im Coaching: Vom Funktionieren zum Fühlen
In meiner Arbeit mit Klient:innen ist Selbstmitgefühl oft der Wendepunkt. Nicht der lauteste Moment, aber der tiefste.
Wenn jemand das erste Mal sagt:
„Ich weiß gar nicht, wie ich mir begegnen soll, wenn ich nicht funktioniere“ –
dann sind wir an der Schwelle.
Hier beginnt echte Veränderung.
Nicht durch mehr Disziplin.
Sondern durch ein Wieder-in-Kontakt-kommen mit dem, was in uns weich ist. Und müde. Und ehrlich.
Selbstmitgefühl ist die Einladung, die Beziehung zu sich selbst zu heilen – nicht, um etwas zu „fixen“, sondern um wieder ein Zuhause in sich selbst zu finden.
Ein kleiner Moment für dich
Vielleicht magst du es jetzt direkt ausprobieren. Nicht perfekt, nicht „richtig“ – einfach da.
Schließe die Augen.
Atme ein.
Lege eine Hand auf dein Herz.
Und sage leise – oder innerlich:
„Es ist okay, dass ich mich so fühle.“
„Ich darf mich selbst freundlich halten – auch wenn ich gerade keine Lösung habe.“
„Ich bin genug, auch wenn ich gerade gar nichts schaffe.“
Spürst du, wie etwas weicher wird?
Fazit: Du musst dich nicht optimieren. Du darfst dich erinnern.
An das, was in dir still ist – und liebevoll.
An das, was du bist, jenseits deiner Leistung.
An das, was schon lange gesehen werden will: Du. So, wie du jetzt bist.
Gesundheit durch Bewusstsein bedeutet, sich selbst nicht länger zu übergehen, sondern zuzuhören.
Nicht zu verbessern, sondern zu bewohnen.
Nicht zu perfektionieren, sondern zu bezeugen.
Denn manchmal ist Selbstmitgefühl der erste heilsame Schritt zurück in dein Leben.
Wenn du spürst, dass dich diese Worte berühren, begleite ich dich gern – mit Mitgefühl, Klarheit und einer inneren Haltung, die dich nicht formen, sondern erinnern möchte:
Du bist nicht dein „Noch-nicht“. Du bist dein Jetzt.
Und genau da beginnt alles.
2025 ©by Andrea Flechtenmacher